
Stellen Sie sich ein großes Haus oder ein Schloss vor, mit vielen Räumen in allen Formen und Größen. Es gibt ein paar Räume, in denen ihr die meiste Zeit verbringt - ihr kennt diese Räume gut, sie sind gemütlich und vertraut - nicht zu heiß und nicht zu kalt, bequeme Möbel, alles an seinem Platz. Es gibt andere Räume, die wir seltener aufsuchen, in denen wir ein Gefühl der Aufregung, der Herausforderung suchen, in denen wir etwas Neues lernen wollen.
Und dann gibt es noch die anderen Räume - die mit dem großen "Betreten verboten"-Schild an der Tür. Das sind die Räume, denen wir fernbleiben. Was sich in diesen Räumen befindet, ist für jeden anders - für manche ist es Wut oder Traurigkeit, ihre Weichheit oder Verletzlichkeit. Für andere ist es vielleicht ihre Kraft, ihr Enthusiasmus, ihre Spontaneität oder Verspieltheit. Für viele von uns liegen Aspekte unserer Sexualität in diesen verbotenen Räumen. Als Kinder haben wir gelernt, diese inneren Räume zu verschliessen und uns von ihnen fernzuhalten - uns wurde von den Menschen, die uns nahestehen, oder von Autoritätspersonen beigebracht, dass das Betreten dieser Räume bestraft wird, dass es für uns schmerzhaft sein wird. Später im Erwachsenenalter bleiben diese Räume dunkel, beängstigend und unbesucht.
Dick Schwarz, der Begründer von IFS (Internal Family Systems), nennt diese verbotenen Räume unsere "Exiles" (die Verbannten)- Teile von uns, die verletzt wurden und mit denen wir den Kontakt um jeden Preis zu vermeiden versuchen, weil wir befürchten, dass er zu schmerzhaft sein wird. Andere Teile von uns (IFS nennt sie "Manager"), haben die Aufgabe, unser Leben so zu gestalten, dass wir diese Räume nicht betreten müssen. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist oft sehr hoch. Wir vermeiden Situationen oder Menschen, die bei uns Gefühle auslösen könnten. Wir sagen ständig Ja, aus Angst, in den "Nein sagen"-Raum zu gehen. Wenn wir in unsere Kraft kommen, stürmt unser innerer Kritiker herein, um uns wieder niederzumachen. Wir vermeiden Intimität und Verletzlichkeit gegenüber den Menschen, die uns nahestehen. Und so weiter. Je mehr Räume in unserem Schloss gemieden werden müssen, desto mehr führen wir ein Leben, das eng und begrenzt ist und in dem eine Hintergrundspannung und Angst herrscht.
Meine Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen und Einzelpersonen ist, dass wir uns alle danach sehnen, unser Schloss vollständig zu bewohnen. Wir spüren intuitiv, dass wir, solange diese Räume in uns verschlossen sind, keinen wahren Frieden erfahren können - wir werden immer in Konflikt mit Teilen von uns selbst stehen. Heilung bedeutet, Licht in diese Räume zu bringen, sie nach und nach kennenzulernen und sie schließlich besuchen zu können, wann immer wir wollen. Jedes Mal, wenn wir dies tun, werden wir freier, authentischer, mehr "ich".
Die meisten Wunden, die uns dazu gebracht haben, diese Räume zu verschließen, sind Beziehungswunden - Beschämung durch einen Elternteil, Mobbing durch Klassenkameraden, Bestrafung durch einen Lehrer sind einige Beispiele. Aus diesem Grund glaube ich, dass die Heilung dieser Wunden und die Freundschaft mit unseren inneren Verbannten auch in der Beziehung stattfinden muss - das ist nicht etwas, was wir allein tun können.
Das ist meine Motivation Workshops zu gestalten und zu leiten. Die Gruppe spiegelt uns, welche Räume wir meiden und wie wir es tun. Die Gruppe ist bei uns, feuert uns an, legt uns die Hand auf die Schulter, während wir langsam die Tür öffnen und einen Blick hineinwerfen. In diesem sicheren Raum haben wir die Möglichkeit, neue Wege des Seins und der Interaktion auszuprobieren. Wir verstehen, was es bedeutet, "mehr ich" zu sein. Für mich fühlt sich das immer wie innere Friedensarbeit an.
April 2023 - Eran Freiwald
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