Weibliche und männliche Qualitäten – was bedeuten sie heute noch?

Was hat es mit Weiblichkeit und Männlichkeit eigentlich auf sich? Sind diese Begriffe Ausdruck überholter Rollenbilder? Oder erleben wir gerade, dass sich die Polaritäten zunehmend auflösen? Und was können wir gewinnen, wenn wir mit den weiblichen und männlichen Qualitäten in uns in Verbindung kommen – unabhängig davon, wie wir unsere Geschlechtsidentität leben?

Diese Fragen begegnen mir seit vielen Jahren. Menschen stellen sie in unseren Seminaren und in meiner Praxis direkt oder zwischen den Zeilen immer wieder. In unserer Arbeit begleiten wir Menschen auf ihrem Weg zu mehr Bewusstheit, Lebendigkeit und authentischer Verbindung – in einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung, die Sexualität als natürlichen Teil des Menschseins mit einbezieht. Dabei forsche ich diesen Fragen immer wieder neu nach.

Meine Erfahrung mit Weiblichkeit

Ich erlebte selbst Seminare zum Thema Weiblichkeit. Vieles von dem, was ich dort erfahren habe, begleitet mich bis heute und prägt meine Arbeit.

Diese Erfahrungen waren geprägt von Austausch, tiefgehender Körperarbeit und dem bewussten Lauschen nach innen. Immer wieder bewegte uns dieselbe Frage: Was ist Weiblichkeit eigentlich?

Meine Antworten entstanden nicht im Kopf, sondern im Körper.

Ich habe erfahren, dass Weiblichkeit nichts ist, was ich herstellen muss. Sie entsteht nicht durch ein bestimmtes Verhalten oder durch ein Rollenbild. Ich komme mit ihr in Verbindung, wenn ich wirklich in meinem Körper anwesend bin, ihn von innen wahrnehme und ihm mit Wertschätzung begegne.

Je mehr ich meinen Körper bewohne, desto klarer, ruhiger und selbstverständlicher werde ich. Und gerade dann fällt es mir leichter, auch meine strukturierte, zielgerichtete oder kraftvolle Seite zu leben, ohne den Kontakt zu meiner Weiblichkeit zu verlieren.

Verkörperte Polaritäten statt Rollenbilder

Diese Erfahrung bestätigt sich für mich immer wieder – in meinem eigenen Leben ebenso wie in der Begleitung von Menschen.

Wenn wir unseren Körper bewusst bewohnen und beginnen, ihn jenseits von Erwartungen, Rollenbildern und Selbstbildern von innen wahrzunehmen, werden weibliche und männliche Qualitäten unmittelbar erfahrbar. Nicht als starre Gegensätze, sondern als Kräfte, die in jedem Menschen vorhanden sind und sich gegenseitig ergänzen.

Es geht aus meiner Sicht nicht darum, möglichst weiblich oder möglichst männlich zu sein. Es geht darum, beide Pole in sich kennenzulernen und sie immer freier leben zu können.

Die Rückverbindung zum Körper

Der Körper ist unsere Grundlage. In ihn wurden wir hineingeboren.

Und doch verlieren viele von uns im Laufe des Lebens den Kontakt zu ihm. Unsere Aufmerksamkeit wandert immer stärker vom Spüren ins Denken. Eine Welt, die schneller, digitaler und leistungsorientierter wird, verstärkt diese Entwicklung zusätzlich.

Gerade deshalb empfinde ich die Rückverbindung zum Körper heute als wichtiger denn je. Sie schenkt Erdung, Orientierung und einen Zugang zu uns selbst, der weit über das Denken hinausgeht.

Den Körper von innen erfahren

Vielleicht fragst du dich, was das alles mit bewusster Berührung oder Sexualität zu tun hat.

Für mich beginnt beides dort, wo wir langsamer werden. Körperwahrnehmung geschieht nicht im Tempo unserer Gedanken. Sie braucht Präsenz, Aufmerksamkeit und Zeit.

Genau hier setzen wir in unseren Seminaren und in meiner Praxis an. Es geht nicht darum, möglichst intensive Erfahrungen zu machen oder außergewöhnliche Zustände zu erleben. Es geht darum, dir selbst im Körper zu begegnen.

Wenn wir beginnen, unseren Körper wirklich von innen wahrzunehmen, zeigen sich oft auch alte Verletzungen, Schutzstrategien und emotionale Muster. Was lange verborgen war, kann bewusst werden – und dadurch Schritt für Schritt integriert werden.

So entsteht ein tieferer Kontakt zu uns selbst, zu unserer Lebendigkeit und auch zu unserer Sexualität.

Heilung zwischen weiblich und männlich

Eine Erfahrung berührt mich in unseren Jahreszyklen immer wieder besonders.

In einem der Module verbringen Frauen und Männer eine gewisse Zeit in getrennten Gruppen. Für manche wirkt das zunächst ungewohnt oder sogar etwas aus der Zeit gefallen.

Meine Erfahrung ist eine andere.

Auch wenn wir alle weibliche und männliche Qualitäten in uns tragen, macht es einen Unterschied, ob wir in einem weiblichen oder männlichen Körper aufgewachsen sind. Die Erfahrungen mit Menschen des gleichen Geschlechts zu teilen, Fragen gemeinsam zu erforschen und sich gegenseitig zu spiegeln, schafft oft eine tiefe Verbundenheit.

Wenn Frauen und Männer anschließend wieder zusammenkommen und sich mit Achtsamkeit, Präsenz und ohne Ziel begegnen, entsteht häufig etwas Besonderes: Berührung wird frei von Erwartungen und Rollenbildern. Es entsteht ein Raum von Respekt, Wertschätzung und echtem Kontakt.

Ich erlebe immer wieder, dass genau darin etwas Heilendes liegt – nicht weil jemand repariert werden muss, sondern weil Begegnung auf einer tieferen Ebene möglich wird.

Ob du dich als Frau, als Mann oder jenseits dieser Kategorien verstehst: Je tiefer du in deinem Körper verwurzelt bist, desto freier kannst du dein Leben gestalten – deine Beziehungen, deine Sexualität, deine Arbeit und die Verbindung zu dir selbst.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage unserer Zeit: Nicht, ob Weiblichkeit und Männlichkeit verschwinden – sondern ob wir lernen können, beide Qualitäten bewusster und freier in uns zu leben.

Barbara Schmid - Okt 2019 - aktualisiert Juli 2026

Sexuelles Trauma und bewusste Berührung – kann das zusammengehen?

Wie traumasensible Körperarbeit den Weg zurück zu Sicherheit, Lebendigkeit und einer selbstbestimmten Sexualität unterstützen kann.

Kann bewusste Berührung Menschen mit sexuellen Verletzungen auf ihrem Heilungsweg unterstützen? Oder birgt sie das Risiko einer erneuten Grenzverletzung?

Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahren. Aus meiner Erfahrung zeigt sich: Berührung kann ein grosses Heilungspotenzial entfalten – vorausgesetzt, sie geschieht traumasensibel, in einem sicheren Rahmen und im Tempo der betroffenen Person.

Bevor ich mich intensiv mit tantrischer Berührungskunst beschäftigte, absolvierte ich eine integrative Beratungsausbildung mit körper- und traumatherapeutischen Elementen. Daraus entwickelte ich einen eigenen Begleitansatz, der Gespräch, Körperwahrnehmung und achtsame Berührung miteinander verbindet. Nach über zehn Jahren Praxiserfahrung erlebe ich immer wieder, wie sich Menschen dadurch ihrem Körper, ihrer Lebendigkeit und ihrer Sexualität auf neue Weise annähern können.

Für diesen Beitrag habe ich auch Rückmeldungen von Klientinnen einbezogen, die ihren persönlichen Heilungsweg beschreiben. Einige ihrer Erfahrungen fliessen als Zitate in den Text ein.

Was ist ein sexuelles Trauma?

Sexuelle Verletzungen betreffen Frauen ebenso wie Männer – auch wenn Männer deutlich seltener darüber sprechen oder Unterstützung suchen.

Ein sexuelles Trauma entsteht nicht allein durch das belastende Ereignis selbst, sondern dadurch, wie unser Nervensystem dieses Erlebnis verarbeitet. Besonders schwerwiegend können Erfahrungen sein, wenn Grenzverletzungen in der Kindheit oder Jugend durch vertraute Bezugspersonen geschehen und schützende Erwachsene fehlen. Die Folgen zeigen sich häufig noch Jahre später – in Beziehungen, in der Sexualität und im Kontakt zum eigenen Körper.

Aber auch einmalige Übergriffe, sexualisierte Erfahrungen oder ein Umfeld, das von Unsicherheit, Scham oder Grenzverletzungen geprägt war, können tiefe Spuren hinterlassen. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich. Entscheidend ist nicht nur das Ereignis, sondern auch die vorhandenen Ressourcen und die Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten.

Viele Betroffene erleben anhaltende körperliche und emotionale Stressreaktionen. Der Körper bleibt in Alarmbereitschaft, obwohl die Gefahr längst vorbei ist. Genau deshalb reicht Verstehen allein häufig nicht aus – auch der Körper braucht die Möglichkeit, neue Erfahrungen von Sicherheit zu machen.

Warum der Körper Teil des Heilungswegs ist

Viele Menschen, die zu mir kommen, haben bereits einen langen therapeutischen Weg hinter sich. Sie verstehen ihre Geschichte, können ihre Erfahrungen benennen und einordnen – und spüren dennoch, dass sich im Körper wenig verändert hat.

Eine Klientin beschrieb es so:

„Ich wusste, dass ich traumatisiert war. Aber ich fühlte mich wie ausserhalb meines Körpers.“

Eine andere sagte:

„Ich spürte eine grosse Sehnsucht, meinen Körper wieder wahrzunehmen und eine gesunde Sexualität erleben zu können.“

Diese Sehnsucht begegnet mir häufig. Deshalb sind Gespräch und Reflexion zwar wichtige Bestandteile meiner Begleitung, sie bilden jedoch nur einen Teil des Prozesses. Ebenso bedeutsam ist die Möglichkeit, den Körper behutsam wieder als sicheren Ort zu erleben.

Sicherheit kommt vor Berührung

Die Grundlage jeder traumasensiblen Körperarbeit ist ein Gefühl von Sicherheit. Erst wenn das Nervensystem erlebt, dass im Hier und Jetzt keine Gefahr besteht, kann echte Entspannung entstehen.

Deshalb steht am Anfang nicht die Berührung, sondern der Aufbau eines sicheren inneren und äusseren Rahmens. Gemeinsam entwickeln wir Ressourcen, schaffen Orientierung und finden Möglichkeiten, wie sich die Person jederzeit wieder stabilisieren kann.

Eine Klientin formulierte es so:

„Du hast mit mir einen sicheren Raum geschaffen. Das gibt mir die Gewissheit, dass mir hier nichts geschieht. Wenn es schwierig wird, finde ich immer wieder dorthin zurück.“

Erst wenn dieser sichere Boden spürbar wird, zeigt sich, ob Berührung überhaupt sinnvoll ist – und wenn ja, in welcher Form und in welchem Tempo.

Langsamkeit schafft Sicherheit

Einer der wichtigsten Grundsätze meiner Begleitung ist die Verlangsamung.

Gerade Menschen mit sexueller Traumatisierung haben oft gelernt, ihre eigenen Grenzen zu übergehen – aus Angst, aus Anpassung oder aus dem Wunsch heraus, endlich «normal» zu sein. Deshalb geht es nicht darum, möglichst schnell intensive Erfahrungen zu machen, sondern darum, das Nervensystem Schritt für Schritt wieder an Sicherheit zu gewöhnen.

Manchmal bedeutet das, dass wir über längere Zeit gar nicht mit einer Massage beginnen. Stattdessen stärken wir Ressourcen, schaffen Orientierung und entwickeln gemeinsam einen inneren sicheren Ort. Erst wenn der Körper signalisiert, dass genügend Stabilität vorhanden ist, entsteht Raum für Berührung.

Ich habe selbst erfahren, dass zu frühe Berührung überfordern und Stressreaktionen auslösen kann. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dem individuellen Tempo konsequent zu vertrauen.

Eine Klientin beschreibt es so:

„Du hast genau gespürt, welches Tempo für mich stimmig war. Ich durfte mich langsam daran gewöhnen, überhaupt berührt zu werden. Immer wieder fragte ich mich: Darf ich loslassen? Darf ich geniessen?“

Berührung darf einfach Berührung sein

Traumasensible Berührung verfolgt kein Ziel. Es geht weder um Leistung noch um Heilung um jeden Preis.

Manchmal werden zunächst nur Hände, Füsse oder der Rücken berührt. Manchmal bleiben beide bekleidet. Nicht Nacktheit oder Intensität stehen im Vordergrund, sondern die Erfahrung, dass Berührung sicher, achtsam und frei von Erwartungen sein kann.

Diese Freiheit ermöglicht dem Körper, neue Erfahrungen zu speichern – Erfahrungen von Selbstbestimmung, Vertrauen und Würde.

Eine Klientin formulierte es so:

„Ich durfte erleben, dass ich nichts leisten muss. Ich musste nichts produzieren und nichts beweisen. Ich durfte einfach sein.“

Den ganzen Menschen einbeziehen

Je nach Situation kann auch die bewusst Berührung des Intimbereich Teil der Begleitung sein. Nicht mit dem Ziel sexueller Stimulation oder Gegenseitigkeit, sondern die Erfahrung ermöglichen, diesen Körperbereich spüren zu dürfen, wie er sich anfühlt ohne etwas zu wollen/müssen.

Viele Menschen erleben ihren Intimbereich nach sexueller Gewalt entweder als belastet oder abgespalten. Ihn in einem klaren, respektvollen und absichtslosen Rahmen wieder als natürlichen, lebendiger Teil des eigenen Körpers wahrnehmen zu dürfen, kann ein wichtiger Schritt auf dem Heilungsweg sein.

Eine Klientin beschreibt diese Erfahrung eindrücklich:

„Ich werde am ganzen Körper berührt. Mein Intimbereich wird weder ausgeklammert noch besonders hervorgehoben. Alles an mir darf einfach da sein. Dadurch kann ich meine Sexualität wieder als etwas Natürliches erleben.“

Wenn alte Erinnerungen auftauchen

Berührung kann Erinnerungen wecken, die tief im Körper gespeichert sind. Manche Menschen verlieren plötzlich den Kontakt zum Hier und Jetzt, werden innerlich taub oder ziehen sich in Gedanken zurück.

In solchen Momenten geht es nicht darum, das Trauma erneut zu durchleben. Entscheidend ist, den Kontakt zur Gegenwart wiederzufinden.

Präsenz, Orientierung und die zuvor aufgebauten Ressourcen helfen dabei, das Nervensystem zu stabilisieren. Oft entsteht genau dadurch eine neue Erfahrung: Mit schmerzhaften Gefühlen nicht mehr allein zu sein.

Eine Klientin sagte dazu:

„Ich hatte Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Doch deine ruhige Präsenz half mir, im Hier und Jetzt zu bleiben. Dadurch konnte ich Vertrauen entwickeln.“

Heilung bedeutet auch, Grenzen neu zu entdecken

Viele traumatisierte Menschen haben den Kontakt zu ihren eigenen Grenzen verloren. Manche sagen zu oft Ja, andere schützen sich, indem sie kaum noch Nähe zulassen.

Bewusste Berührung eröffnet die Möglichkeit, beides neu zu lernen: die eigenen Grenzen wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen – und sie dort, wo es stimmig ist, Schritt für Schritt zu erweitern.

Eine Klientin brachte es auf den Punkt:

„Die langsamen Berührungen haben mir ermöglicht, meine Grenzen nicht zu übergehen, sondern sie achtsam zu erweitern.“

Liebevolle Selbstfürsorge als Teil des Heilungswegs

Heilung geschieht nicht nur in einer Begleitung oder einer Sitzung. Sie entfaltet sich vor allem im Alltag – in der Beziehung zu sich selbst.

Viele Menschen, die sexuelle Verletzungen erlebt haben, kümmern sich liebevoll um andere, während der achtsame Kontakt zu sich selbst kaum vorhanden ist. Den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen, sich mit Freundlichkeit zu begegnen und sich selbst nährende Berührung zu schenken, kann deshalb ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses sein.

Eine Klientin sagte einmal:

„Ich war es gewohnt, viel zu geben. Mir selbst Liebe zu schenken fühlte sich lange wie ein fremder Gedanke an.“

Deshalb ermutige ich Menschen auch in ihrem Alltag kleine Momente bewusster Körperwahrnehmung und liebevoller Selbstberührung zu integrieren.

Heilung verläuft nicht geradlinig

Jeder Heilungsweg ist einzigartig.

Manche Menschen erleben bereits nach kurzer Zeit spürbare Veränderungen. Andere benötigen deutlich mehr Zeit. Rückschläge gehören oft dazu und bedeuten nicht, dass der Prozess gescheitert ist.

Entscheidend ist nicht, möglichst schnell ein Ziel zu erreichen, sondern immer wieder den Kontakt zu sich selbst zu finden. Heilung bedeutet für mich nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sie bedeutet, mit dem Erlebten so in Beziehung zu kommen, dass es das Leben nicht länger bestimmt.

Eine Klientin brachte dies wunderschön zum Ausdruck:

„Die Langsamkeit war für mich enorm wichtig. Und deine Zuversicht hat mir geholfen, auch dann weiterzugehen, wenn ich selbst kaum noch daran glauben konnte.“

Auch Seminare können heilsame Erfahrungsräume sein

Für manche Menschen wird nach einer gewissen Zeit auch die Teilnahme an einem Seminar stimmig.

Eine Gruppe bringt neue Herausforderungen mit sich – und gleichzeitig ein grosses Potenzial. Sich mit der eigenen Verletzlichkeit zu zeigen, Grenzen auszusprechen und von anderen respektiert zu werden, kann eine tief korrigierende Erfahrung sein.

Deshalb ist es mir wichtig, dass jede Übung freiwillig ist und jederzeit individuell angepasst werden kann. Niemand muss etwas tun, wofür der Körper noch nicht bereit ist.

Oft erleben Teilnehmende zum ersten Mal, dass ein Nein willkommen ist. Und dass ebenso ein bewusstes Ja aus der eigenen inneren Freiheit entstehen darf.

Diese Erfahrung stärkt nicht nur den Kontakt zum eigenen Körper, sondern auch das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Mein Fazit

Ich bin überzeugt, dass bewusste Berührung ein wertvoller Bestandteil eines traumasensiblen Heilungswegs sein kann – wenn sie von Klarheit, Respekt und fachlicher Kompetenz getragen wird.

Nicht die Berührung selbst heilt. Heilung entsteht dort, wo Menschen sich sicher fühlen, ihren Körper wieder bewohnen lernen und neue Erfahrungen von Selbstbestimmung, Würde und Verbundenheit machen können.

Ich erlebe immer wieder, wie Menschen Schritt für Schritt ihre Lebendigkeit zurückgewinnen, ihrem Körper neu vertrauen und ihre Sexualität nicht länger als etwas Bedrohliches, sondern als einen natürlichen Teil ihres Menschseins erfahren.

Die Worte einer Klientin bringen das für mich auf den Punkt:

„Es sind Welten zwischen früher und heute. Damals fühlte ich mich klein und verängstigt. Heute erlebe ich mich als selbstbewusste Frau – handlungsfähig, lebendig und mit mir verbunden.“

Barbara Schmid - August 2022 - aktualisiert Juli 2026

Eine Biegung im Fluss: Wenn das Leben uns dazu ruft, uns zu verändern

Wenn jedes Leben einem Fluss gleicht, dann bin ich in letzter Zeit vielen Menschen begegnet, deren Fluss gerade eine Biegung nimmt. Wenn ich mit ihnen sitze, ist da eine spürbare Energie: Winde, die stärker werden, Strömungen, die sich verändern, das Unbekannte, das mit einem schelmischen Funkeln in den Augen auftaucht.

Ich habe in meinem eigenen Leben einige solcher Biegungen navigiert (wobei das Wort „navigiert“ viel zu geschmeidig klingt für einen so holprigen Prozess). Veränderung klopft an die Tür, und so sehr wir es auch versuchen mögen – es ist unmöglich, sie zu ignorieren.Ich genieße es sehr, diesen Menschen zu begegnen und einige von ihnen in meiner Praxis ein Stück auf diesem Weg zu begleiten.

Die Windungen und Wendungen unseres Flusses liegen nicht in unserer Kontrolle, auch wenn wir gerne glauben, dass es so wäre. Mehr noch: Oft sehen wir sie nicht kommen – aber wenn wir aufmerksam sind, spüren wir, dass sie sich ankündigen.
Wenn unser Fluss sich einer Biegung nähert, erleben wir dies als eine Sehnsucht, die von innen aufsteigt, verbunden mit einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem Gewohnten. Dies sind normale und gesunde Signale, mit denen das Leben uns mitteilt, dass es Zeit ist zu wachsen, den nächsten Schritt zu machen.

Beide Signale können leicht missverstanden oder völlig ignoriert werden. So geschieht es:

Dem leisen Flüstern lauschen

Beginnen wir mit der Sehnsucht, die sich oft (aber nicht immer) als ein leises Flüstern tief aus unserem Innersten ausdrückt.

Sich mit ihr zu verbinden bedeutet, still zu werden, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten und uns auf eine entspannte, nicht zielgerichtete Weise verfügbar zu machen. Mit anderen Worten: Es bedeutet wirklich zuzuhören.

Obwohl diese Art des Zuhörens eine ganz natürliche menschliche Fähigkeit ist, wurde sie den meisten von uns bis zum Alter von zehn Jahren aberzogen. Uns wird beigebracht, dass alles, was wichtig ist, außerhalb von uns liegt – in dem, was wir von der Welt bekommen können: Anerkennung, Wohlstand, Komfort, Liebe, Wissen, Selbstwert, Macht. Schon bald verkümmert der natürliche Zugang zu unserer inneren Welt. Wir vergessen vielleicht – so wie ich es viele Jahre lang vergessen hatte –, dass dieser Raum in uns überhaupt existiert.

Wenn das geschieht, spüren wir unsere Sehnsucht nicht mehr. Und damit verlieren wir unseren inneren Kompass. Wir wissen nicht mehr, was wir wirklich wollen. Abgeschnitten von unserem Herzen und unserem Bauch verlassen wir uns auf unseren Verstand und versuchen, uns durch das Leben hindurchzudenken. Der denkende Geist, der zum großen Teil von Angst angetrieben wird, ist kein besonders zuverlässiger Kompass. Der Verstand scheut echte Veränderung – um in unserem Bild zu bleiben: Er versucht uns oft mit großer Gewandtheit davon zu überzeugen, dass der Fluss einfach geradeaus weiterläuft, selbst wenn er bereits eine scharfe Kurve nimmt.

Das gilt besonders dann, wenn die Veränderung, zu der das Leben uns auffordert, unsere tiefsten Ängste berührt – zum Beispiel die Angst, unsere materielle Sicherheit zu verlieren oder von unserer Gemeinschaft abgelehnt zu werden. Sich dem Fluss zu überlassen, kann in solchen Momenten gleichzeitig zutiefst beängstigend und zutiefst belebend sein.

Die Weisheit der Unzufriedenheit

Das andere Signal dafür, dass wir von unserem Weg abgekommen sind, ist Unzufriedenheit oder ein allgemeines Unwohlsein. Dies kann sich auf vielfältige Weise zeigen: als Langeweile, als ein Gefühl von Stumpfheit, als chronische Gereiztheit oder Launenhaftigkeit, als ein Gefühl von „Das ist nicht mein Leben“, von Enge, Gefangensein oder Frustration.
Die gute Nachricht ist: Diese wichtigen Signale lassen sich schwerer ignorieren. Die schlechte Nachricht ist: Wir verstehen sie oft falsch.

Statt nach innen zu gehen und zu spüren, wohin unser Fluss uns führen möchte, betrachten wir unsere Unzufriedenheit als ein Problem, das gelöst werden muss. Verständlicherweise möchten wir die unangenehmen Gefühle loswerden. Das ist, als würde ein Pilot eines Flugzeugs, der ein Warnlicht auf seinem Armaturenbrett sieht, beschließen, einfach ein Stück Klebeband darüberzukleben, damit es ihn nicht mehr stört.

Auch hier suchen wir die Antworten im Außen – und stellen fest, dass ganze Industrien nur darauf warten, uns zu erklären, wie wir uns selbst reparieren können, damit wir glücklich und erfolgreich werden. Trainiere mehr, ernähre dich besser, verdiene mehr Geld, wechsle den Beruf, wechsle den Partner, konsumiere mehr, konsumiere weniger, nimm Medikamente, sei disziplinierter, sei effizienter, meditiere (mit unserer App!), atme, praktiziere Yoga, nimm Nahrungsergänzungsmittel und Eisbäder – während du Selleriesaft trinkst.

Nichts davon ist grundsätzlich falsch. Im Gegenteil: Wenn wir lernen, nach innen zu lauschen, können wir entdecken, dass wir uns ganz natürlich zu manchen dieser Dinge hingezogen fühlen. Wenn wir uns jedoch weiterhin im Außen orientieren, übersehen wir die tieferen Bewegungen, die unter der Oberfläche stattfinden.

Wir spüren, dass eine Veränderung notwendig ist, finden aber unseren inneren Kompass nicht. So greifen wir oft zu halben Lösungen und Ersatzbewegungen – daher auch das Klischee vom Sportwagen, der in den Wirren einer Midlife-Krise gekauft wird.

Es gibt noch eine andere Art, mit diesem Unwohlsein umzugehen: die Resignation. Dies ist ein gefährlicherer Weg als der zuvor beschriebene. Wenn wir innerlich aufgeben, wird uns unsere Lebensenergie entzogen – ebenso wie unser Gefühl von Verbundenheit. Das Ergebnis kann Depression, Apathie oder ein Leben sein, in dem wir zwar unsere Aufgaben erfüllen, uns innerlich aber tot fühlen. Ich bin mehreren Menschen in diesem Zustand begegnet, einige von ihnen (die meisten Männer) in der Lage, in ihrem Berufsleben auf sehr hohem Niveau zu funktionieren. Das sagt viel darüber aus, was unsere Kultur wertschätzt – und was nicht.

Am Felsen festhalten

Wenn der Fluss unseres Lebens eine Biegung nimmt und wir uns (bewusst oder unbewusst) dagegen wehren, mit der Strömung zu gehen, ist das, als würden wir im Fluss einen großen Felsen finden und uns verzweifelt daran festhalten. Es ist harte Arbeit, und je stärker die Strömung, desto mehr wird sie uns erschöpfen.

Auch ich habe mich über viele Jahre an solchen Felsen festgehalten. Bis zu jenem Tag, an dem ich nicht mehr konnte und losließ. Am selben Tag ging ich – zu meiner eigenen Überraschung – in das Büro meines Vorgesetzten und kündigte meinen Job, ja sogar meine ganze berufliche Laufbahn. Im darauffolgenden Jahr fühlte ich mich verloren (und, noch wichtiger, ich schämte mich dafür, verloren zu sein). Immer wieder versuchte ich, neue Felsen zu finden, an denen ich mich festhalten konnte.

Zum Glück war ich darin nicht besonders erfolgreich – vielleicht war die Strömung einfach zu stark. Vielleicht verstand ich auf einer tieferen Ebene bereits, dass gegen den Fluss anzukämpfen bedeutet, sich gegen das Leben selbst zu stellen.

Alle Flüsse münden ins Meer

So wie alle Flüsse letztlich ins Meer münden, möchten auch unsere Leben unweigerlich in Richtung Ganzheit, Heilung, Frieden und Liebe fließen. Und so wie ein Fluss auf seinem Weg zum Meer mäandert, manchmal sogar für eine Weile in die „falsche“ Richtung fließt, folgen auch unsere Lebenswege keinem geradlinigen, klar vorherbestimmten Pfad.

Um beispielsweise unser Herz wirklich zu öffnen, müssen wir vielleicht zuerst unsere Wut und unser Nein zurückgewinnen. Bevor wir wirklich großzügig sein können, müssen wir vielleicht lernen, egoistisch zu sein. Für manche von uns bedeutet eine tiefere spirituelle Öffnung, dass wir zunächst lernen müssen, mit unseren Finanzen umzugehen oder unsere eigene Wäsche zu waschen. Für andere bedeutet es vielleicht, andere Kulturen zu entdecken, eine Verbindung zu ihren Wurzeln aufzubauen oder wirklich in ihrem Körper anzukommen.

Der Weg jedes Flusses ist ein Geheimnis – etwas, das gelebt werden will, nicht etwas, das verstanden werden muss.

Paul Simon singt:

„God only knows, God makes his plan /
the information’s unavailable to the mortal man.“
„Nur Gott weiß es, Gott macht seinen Plan /
die Information ist dem sterblichen Menschen nicht zugänglich.“

Wie wir auf die Windungen unseres Flusses reagieren – in welchem Maß wir mit dem Leben (oder Gott, der Quelle, dem Tao oder wie auch immer wir es nennen möchten) kooperieren oder uns dagegen wehren – könnte die wesentlichste Entscheidung sein, die wir treffen.

Und wir treffen sie immer wieder aufs Neue.

Mehr als eine Entscheidung ist es der Prozess des Lebens selbst, der sich durch uns entfaltet. In diesen Momenten der Wahl finden wir uns im Ringen, im Tanzen mit dem Göttlichen wieder – mit dem, was größer ist als wir selbst. Deshalb liebe ich es, Menschen zu begegnen, deren Fluss gerade eine Biegung nimmt.

Dem eigenen Fluss vertrauen

Wenn ich einen solchen Menschen in meiner Praxis begleite, ist die ursprüngliche Energie des Flusses immer mit im Raum – ganz gleich, wie stark der Widerstand sein mag.

Manchmal ist es meine Aufgabe, diese Bewegung für diejenigen zu spüren, die sich selbst noch nicht erlauben, sich ihr zuzuwenden. Ihnen zu helfen, ihr Festhalten am Felsen wahrzunehmen und zu erkennen, wie erschöpfend es ist. Neben ihnen herzuschwimmen, meine Hand auf ihrem Rücken, ohne dass einer von uns weiß, wohin der Fluss letztlich führt. Eine Weile gemeinsam auf dem Felsen zu sitzen und die Aussicht zu genießen.

Manchmal schauen sie mich an und erwarten Antworten von mir – ein Fünf-Schritte-Programm, das alles wieder in Ordnung bringt. Ich muss zugeben: Ein Teil von mir möchte genau das anbieten. Der Experte sein, der weiß – besser als sie selbst –, was für sie richtig ist.

Aber natürlich weiß ich das nicht. Es ist nicht mein Fluss.

Und so lade ich sie immer wieder ein, nach innen zu gehen, zuzuhören, mit der Sehnsucht in ihrem Inneren in Kontakt zu kommen. Gemeinsam erforschen wir alles, was dieser tieferen Verbindung im Weg steht. Ich habe gelernt, diesem Prozess zu vertrauen.

Ich weiß aus Erfahrung, dass Energie freigesetzt wird, wenn wir beginnen, uns mit den Strömungen und Sehnsüchten in uns zu verbinden. Dann steigen Impulse, Entscheidungen und Handlungen wie Blasen an die Oberfläche. Nicht Handlungen, die unser Verstand ausheckt. Nicht Handlungen, von denen die Welt uns sagt, dass wir sie verfolgen sollten. Sondern Handlungen, die wirklich und authentisch unsere eigenen sind – die unserem großen und geheimnisvollen Fluss des Lebens entsprechen.

 

Juli 2026 - Eran Freiwald

In Beziehung wachsen - Teil 1: Symbiose

In dem Film „Jerry Maguire“ gibt es eine berühmte Szene, in der Tom Cruise eine leidenschaftliche Rede hält, um Renée Zellweger zurückzugewinnen. Die Szene ist amüsant, weil er sie vor einer Gruppe geschiedener Frauen hält, die, gelinde gesagt, Männern und deren Absichten skeptisch gegenüberstehen – auch wenn ihre Gesichter Skepsis ausdrücken, verraten ihre Augen, dass sie von dem ganzen Drama in den Bann gezogen werden – genau wie der Zuschauer. Am Ende seines Monologs sagt Tom Cruise die magischen Worte: „Ich liebe dich – du vervollständigst mich (you complete me)“. Als er versucht, seinen Monolog fortzusetzen, unterbricht ihn Zellweger mit ihrer Zeile, die ebenfalls Eingang in die Popkultur gefunden hat – „Halt den Mund“, sagt sie unter Tränen – „Du hattest mich schon bei ‚Hallo (you had me at hello)‘“. Sie umarmen sich, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Ich mag diese Szene, weil sie uns vor Augen führt, wie wir über Beziehungen denken und worum es dabei eigentlich geht. Als ich den Film 1996 zum ersten Mal sah, konnte ich mich ebenfalls damit identifizieren (abgesehen von meiner Abneigung gegen Hollywood-Kitsch). Kürzlich habe ich mich gefragt: Wenn Renée und Tom jetzt zu mir in die Paartherapie kämen, was würde ich ihnen sagen?

Hier ist, was mir dazu eingefallen ist:

Lieber Tom und liebe Renée, ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Beziehungen entwickeln sich in Phasen, und ihr beide befindet euch in der ersten Phase, die wir Symbiose nennen können.

Tom, ich habe eine schlechte Nachricht für dich: Wenn du dich in dir selbst unvollständig fühlst, wirst du früher oder später mit der harten Wahrheit konfrontiert werden, dass Renée (oder irgendeine andere Person) dich nicht vervollständigen kann. Sie ist ihr eigener Mensch und wurde nicht zu diesem Zweck auf diese Welt gesetzt – im besten Fall wird sie daran arbeiten, sich selbst zu vervollständigen. Außerdem wird es zu einer Beziehungsdynamik führen, die euch beiden Probleme bereitet, wenn du diese Erwartung auf Renée projizierst – wenn du mir nicht glaubst, achte einfach darauf, wie du dich verhältst, wenn Renée sich das nächste Mal so verhält, dass sie dich nicht «vervollständigt».

Renée – mir ist klar, wie schön es sein muss, diese Worte von Tom zu hören – vor allem angesichts der aufrichtigen Rührung in seiner Stimme, ganz zu schweigen von diesen Wangenknochen zum Niederknien. Aber frag dich mal selbst: Was passiert, wenn Tom dich das nächste Mal zu einem Fußballspiel einlädt und du keine Lust hast? Oder wenn er möchte, dass du stolz auf ihn bist wegen eines Erfolgs, den er hatte, du aber einfach nur sauer bist, weil er so viel Zeit bei der Arbeit verbringt? Du wirst mit dem zentralen Dilemma symbiotischer Beziehungen konfrontiert sein – du wirst entweder dich selbst und deine Bedürfnisse verraten müssen, um Toms Erwartungen zu erfüllen, oder aber das Risiko eingehen, dass Tom dich nicht mehr so sehr liebt, da du ihn nun nicht mehr vervollständigst.

Die gute Nachricht ist: Ihr beide seid zum richtigen Zeitpunkt hierhergekommen. Die Symbiosephase hat euch, wie vielen Paaren, gute Dienste geleistet, um schon früh in der Beziehung eine sichere, liebevolle emotionale Bindung aufzubauen. Das Herauswachsen aus der Symbiose – also der Beginn der „Differenzierung“ – wird von euch beiden persönliches Wachstum erfordern. Wenn ihr euch für diesen Weg entscheidet, ist die Belohnung echte Intimität – Renée so zu sehen und zu akzeptieren, wie sie wirklich ist, und ihr zu erlauben, dich auf diese Weise zu sehen. Viel erfüllender als die kindliche Fantasie einer Pseudo-Intimität à la Hollywood-Romanze (nichts für ungut, ihr beiden) – aber ihr müsst mir das vorerst einfach glauben.

Im ersten Teil dieser Reihe werde ich mich mit der symbiotischen Dynamik in Beziehungen befassen, warum sie entsteht und wie sie sich äußert.

Um Symbiose zu verstehen, ist es hilfreich, auf eines der – wenn nicht sogar das wichtigste – Grundbedürfnisse des Menschen zurückzukommen. Es lässt sich wie folgt zusammenfassen:

„Ich muss so geliebt werden, wie ich bin“

In Paarbeziehungen drückt sich dies oft als der Wunsch aus, vom Partner „wirklich gesehen“ zu werden. Wenn dieses Bedürfnis nicht erfüllt wird (vor allem in jungen Jahren), entstehen bestimmte Verletzungen oder Defizite, die maßgeblich bestimmen, wie wir uns in unseren Liebesbeziehungen verhalten. Der Einfachheit halber können wir von zwei Hauptverletzungen sprechen, die entstehen können, wenn dieses Grundbedürfnis in unserer Kindheit, in der wir am verletzlichsten sind, nicht erfüllt wird:

Die „Nicht-genug“-Wunde – Diese wird als inneres Gefühl des Mangels empfunden – Mangel an Nähe, an Zuwendung, an Fürsorge. Ich habe Klienten gehört, die dies so beschrieben haben: „Ich habe immer dieses unterschwellige Gefühl, allein auf der Welt zu sein“ oder „Die Welt fühlt sich wie ein kalter Ort an“. In Beziehungen äußert sich diese Wunde als allgegenwärtige (wenn auch oft nicht bewusst empfundene) Angst, dass der Partner einen verlassen oder seine Liebe vorenthalten könnte. Diese Angst weckt den Wunsch, mit dem Partner zu verschmelzen, ein „WIR“ zu werden statt zwei getrennter „ICHs“. Für diese Person kann die Angst sehr intensiv sein und fühlt sich oft existenziell an, wenn sie an die Oberfläche kommt. Sie neigt dazu, Nähe mit Verschmelzung zu verwechseln und Distanz mit Verlassenwerden. Der Queen-Song „Love of My Life“ fängt das verzweifelte Gefühl hinter dieser Wunde wunderschön ein – hier ist eine der Strophen

Liebe meines Lebens, verlass mich nicht

Du hast meine Liebe gestohlen, verlass mich nicht

Liebe meines Lebens, siehst du es nicht?

Bring sie zurück, bring sie zurück

Nimm sie mir nicht weg

Denn du weißt nicht

Was es mir bedeutet

(Love of my life, don’t leave me/You’ve stolen my love, do not desert me

Love of my, life can’t you see? / Bring it back, bring it back

Don’t take it away from me / Because you don’t know

What it means to me)

 

Die „Zu-viel“-Wunde - Typischerweise hat diese Person früh im Leben die Erfahrung gemacht, dass ihre Autonomie und ihre Grenzen nicht respektiert wurden, oft durch Eltern, die übermäßig kontrollierend, überfürsorglich oder herrisch waren. Nähe wurde oft als zu viel empfunden, als etwas, das ihr natürliches Bedürfnis nach Autonomie und Selbstentfaltung erstickte. Für diese Person fühlen sich Nähe und Intimität als Bedrohung ihrer Individualität an, und eine Beziehung einzugehen ist immer mit der Angst verbunden, dass ihr die Autonomie oder Freiheit genommen wird. Sie verwechselt Distanz mit Autonomie und Nähe mit Kontrolle. Klienten haben dies als Angst davor beschrieben, von ihren Partnern „erstickt“, „eingeengt“ oder „manipuliert“ zu werden. Der Song „Desperado“ von den Eagles fängt dies gut ein, mit seiner Schlusszeile

Desperado, warum kommst du nicht zur Besinnung?

Komm von deinen Zäunen herunter, öffne das Tor

Es mag regnen, aber über dir ist ein Regenbogen

Du solltest besser zulassen, dass dich jemand liebt

bevor es zu spät ist

(Desperado, why don’t you come to your senses? / Come down from your fences, open the gate / It may be rainin’, but there’s a rainbow above you / You better let somebody love you / before it’s too late)

Die Mehrheit der Menschen trägt, zumindest nach meiner Erfahrung, beide dieser Wunden in sich, auch wenn eine oft ausgeprägter ist als die andere. Es kommt auch häufig vor, dass jemand zwischen den beiden hin und her wechselt – „Lass mir meinen Freiraum / Geh nicht weg! / Komm näher / Nicht zu nah!“ Verschiedene Beziehungen, aber auch verschiedene Phasen einer Beziehung können zudem die eine Wunde stärker auslösen als die andere.

Eine Symbiose entsteht, wenn zwei verletzte Menschen zusammenkommen, wobei jeder von ihnen die Erwartung hegt: „Du bist derjenige, der mir das geben wird, was ich schon immer gebraucht habe – endlich werde ich bedingungslos geliebt.“ Jeder bringt seine eigene emotionale Leere in die Beziehung ein und erwartet, dass der Partner diese Lücke füllt, ihn „vervollständigt“, so wie bei unseren Freunden Tom und Renée. Je mehr die zwei Menschen erwarten, dass der andere der einzige Erfüller dieser Grundbedürfnisse sein sollte, desto tiefer werden sie in die Symbiose eintauchen und desto weniger werden sie einander tatsächlich „sehen“, sondern stattdessen die Bilder, die sie voneinander geschaffen haben.

Bei der symbiotischen Dynamik geht es darum, dass sich Wunden aus der Vergangenheit in der Gegenwart wiederholen und nach einer Lösung suchen. Tatsächlich haben Beziehungen ein großes Potenzial, unsere Wunden zu heilen – nur nicht auf die symbiotische Weise, die wir ursprünglich erwartet haben (mehr dazu in Teil 2 dieser Serie).

In einer symbiotischen Dynamik bringen beide Partner ihre Überlebensstrategien aus der Vergangenheit in die Beziehung ein. Diese Strategien sind hochintelligente Bewältigungsmechanismen – sie zeigen, wie wir gelernt haben, zumindest einige unserer Grundbedürfnisse zu befriedigen, trotz eines (für viele Menschen sehr) schwierigen Umfelds während unserer Kindheit.

Schauen wir uns einige der gängigen Strategien, die in symbiotischen Beziehungen zum Tragen kommen, einmal genauer an.

Wer mit einer „Nicht-genug“-Wunde zu kämpfen hat, greift oft auf eine oder häufig auf beide dieser Strategien zurück:

  1. Sie halten Teile ihrer selbst zurück, in der Überzeugung, dass sie dadurch für ihre Partner liebenswerter werden. Die Frage, die immer im Hintergrund mitschwingt, lautet: „Wie muss ich sein/nicht sein (tun/nicht tun, sagen/nicht sagen), damit mein Partner mich liebt und mich nicht verlässt?“ Diese Menschen unterdrücken ihre Bedürfnisse, Wünsche, Meinungen, Interessen und persönlichen Grenzen – sie schotten sich möglicherweise von ihrer Wut, ihrem sexuellen Verlangen, ihrer Verspieltheit, ihrer Traurigkeit, ihrer Freude oder allem anderen ab, von dem sie glauben, dass es von ihrem Partner nicht geschätzt wird. So viel Selbstverrat führt mit der Zeit oft zu einem Gefühl von Bitterkeit und Groll.
  2. Die Angst vor Trennung weckt den Impuls, den Partner und die Beziehung zu kontrollieren. Sie stellen möglicherweise ständige Forderungen an ihre Partner nach Nähe und Sicherheit – manchmal in Form einer Liste von Regeln, die vorschreiben, was der Partner tun darf und was nicht (ich habe zum Beispiel mehrere Paare gesehen, bei denen einer dem anderen keine Freunde des anderen Geschlechts „erlaubte“). Da sie ständig mit dem Gefühl konfrontiert sind, nicht genug von ihrem Partner zu bekommen, greifen sie zu Nörgeln, Kritisieren, Streit suchen oder werden passiv-aggressiv. Hinter all dem verbirgt sich ein verletzlicher Wunsch, gesehen zu werden, sich sicher und verbunden zu fühlen.

Die Person, deren „zu viel“-Wunde ausgelöst wird, fürchtet, von ihrem Partner kontrolliert und eingeengt zu werden. Hier sind einige gängige Strategien, mit denen sie möglicherweise damit umgeht:

  1. Sie schaffen Distanz zu ihrem Partner, indem sie physisch weggehen oder sich emotional zurückziehen. Dies geschieht oft abrupt, ohne Erklärung oder Vorwarnung. Einige meiner männlichen Klienten haben dies als Rückzug in ihr Schneckenhaus beschrieben.
  2. Streitlustig werden, beweisen wollen, dass sie Recht haben und ihr Partner Unrecht – eine weitere Art, Distanz zu schaffen. Dies geschieht oft in einem kühlen, intellektuellen Ton.
  3. Wütend werfen sie ihrem Partner vor, sie kontrollieren oder in ihrer Freiheit einschränken zu wollen (wobei ich meinen Klient:innen oft sage: Niemand kann dich wirklich kontrollieren ohne deine aktive Mitwirkung).

Es ist wichtig zu beachten, dass das zugrunde liegende Bedürfnis dieser Menschen nicht nach Freiraum oder Distanz ist, sondern vielmehr danach, in ihrer Autonomie und Individualität anerkannt, respektiert und „gesehen“ zu werden.

Du kannst dich wahrscheinlich schon vorstellen, wie viele dieser Strategien, wenn sie von einem Partner angewendet werden, die Wunde des anderen Partners auslösen, der dann mit seinen eigenen Strategien reagiert – und so dreht sich das Rad immer weiter. Es ist typisch für Paare in Symbiose, dass sie immer wieder in eine Art «Strategietanz» miteinander verfallen, der ebenso anstrengend wie schwer zu durchbrechen ist (ein anderer Name dafür ist der «Tanz der Amygdalas», benannt nach dem Teil unseres Gehirns, der die Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslöst).

Meistens sind sich Partner ihrer zugrunde liegenden Bedürfnisse nicht bewusst und begegnen sich lediglich auf der Ebene der Strategien – wobei sie jede Situation, vom Geschirrspülen bis zum Besuch bei den Schwiegereltern, dazu nutzen, unbewältigte Kindheitswunden erneut durchzuspielen. Die Ironie dabei ist, dass inmitten all dieser Streitereien eine starke Dynamik der Konfliktvermeidung herrscht – das heißt, beide Partner scheuen sich davor, das eigentliche Thema des Konflikts anzusprechen –, was verletzliche Gefühle und die Angst vor einer Trennung hervorrufen würde.

Konfliktvermeidung in symbiotischen Paaren kann sich auch auf viel explizitere Weise zeigen. Bei manchen Paaren kann jede Abweichung von liebevoller Harmonie starke Trennungsängste hervorrufen. Da sie kein Gefühl von Spannung oder Konflikt ertragen können, bemühen sich beide Partner, alles zu sagen und zu tun (oder nicht zu sagen und nicht zu tun), was die Harmonie stören könnte. Dies beinhaltet oft, jeden Wunsch, jede Meinung oder jedes Gefühl zu unterdrücken, das den Partner verärgern könnte. Das Paar konzentriert sich auf das, was es gemeinsam hat, während individuelle Unterschiede heruntergespielt oder tabuisiert werden. Oft geben sich die Partner nicht zu, dass sie mit Teilen der Beziehung unzufrieden sind, und Beziehungsprobleme werden konsequent unter den Teppich gekehrt. Hier entsteht eine Art Teufelskreis – je größer der Klumpen unter dem Teppich wird, desto beängstigender erscheint er, und desto mehr Energie wird darauf verwendet, ihn zu ignorieren.

Wenn solche Paare zur Therapie kommen, sagen sie meist etwas wie „Wir haben Kommunikationsprobleme“ und suchen nach einem Mittel, das die Dinge schnell in Ordnung bringt, ohne dass sie die Angst spüren müssen, die damit einhergeht, diese „unter den Teppich gekehrten“ Probleme wirklich anzugehen. Da ich in den ersten Jahren unserer Beziehung selbst eine solche, auf Harmonie ausgerichtete Symbiose mit meiner Frau gelebt habe, habe ich viel Einfühlungsvermögen für diese Paare. Gleichzeitig weiß ich, dass diese Art von Dynamik irgendwann zu einer (oft dramatischen) Krise führen muss – und ich weiß aus Erfahrung, dass Paare, die den Mut haben, den Teppich zu lüften und sich der Angst zu stellen, oft gestärkt und mit einer intimeren, authentischeren Verbindung daraus hervorgehen.

In keiner bestimmten Reihenfolge sind hier einige weitere Dynamiken aufgeführt, die typischerweise (wenn auch nicht immer) Teil einer symbiotischen Beziehung sind:

Da die symbiotische Dynamik zu einem großen Teil auf Illusionen und Projektionen beruht, ist es unvermeidlich, dass Beziehungen früher oder später einen Moment der «Desillusionierung» erreichen. Dies geschieht oft, wenn ein Partner beginnt, sich «abzugrenzen», das heißt, erste (oft unbeholfene) Schritte aus der Symbiose heraus und hin zu persönlichem Wachstum zu unternehmen – was für den anderen Partner bedrohlich wirkt. Oft fühlen sich Partner, die aus der Symbiose heraustreten, betrogen und sind verärgert – „Du bist nicht die Person, für die ich dich gehalten habe, so habe ich mir unsere Beziehung nicht vorgestellt …“. Obwohl Paare dies oft als Krise empfinden und sich fragen, was schiefläuft, ist dies in Wahrheit eine positive Entwicklung. Sie treten nun in eine neue Phase ihrer Beziehung ein, die die Möglichkeit für Entwicklung, Heilung, echte Intimität und eine Verbindung bietet, die weitaus robuster und lebendiger ist als das Kartenhaus, das die Symbiose darstellt.

In Teil 2 dieser Serie werde ich darauf eingehen, wie der Prozess der Differenzierung aussieht, welche Chancen und Herausforderungen er mit sich bringt und warum er persönliches Wachstum von beiden Partnern erfordert. Bleibt dran, Tom und Renée.

Juni 2024 - Eran Freiwald

Bewusste Beziehung und Sexualität - wenn das Unerfüllte dazugehört!

Worte wie bewusste Beziehung und bewusste Sexualität beschreiben die Ausrichtung meiner Praxis und meiner Seminare. Doch was bedeuten sie eigentlich?

Aus Neugier fragte ich einmal KI, wie diese Begriffe zusammengefasst werden könnten. Ich war überrascht, wie nahe die Antwort meiner eigenen Haltung kam. Sie wurde zum Anlass, diesen Artikel zu schreiben – um dich mitzunehmen in das, was meine Arbeit im Kern ausmacht.

Lange Zeit stand auf meiner Webseite der Claim «Erfüllte Beziehung und Sexualität». Doch mit der Zeit merkte ich, dass er nicht mehr stimmig war.

Denn das Wort Erfüllung setzt unbewusst einen Massstab. Es vermittelt, dass Beziehung oder Sexualität erst dann gelungen sind, wenn sie einem bestimmten Ideal entsprechen. Viele Menschen erleben dadurch vor allem, was ihnen fehlt, statt wahrzunehmen, was bereits da ist. Oft beginnt es schon damit, dass Erfüllung ausschliesslich in einer Partnerschaft gesucht wird und der Beziehung zu sich selbst kaum Bedeutung zukommt.

Heute spreche ich deshalb von bewusster Beziehung und Sexualität.

Bewusstsein schliesst nicht nur erfüllte Momente ein, sondern ebenso Sehnsucht, Schmerz, Krisen, Scheitern und das Unerfüllte. Es geht nicht darum, immer glücklich oder angekommen zu sein. Es geht darum, dem, was gerade da ist, mit Offenheit, Ehrlichkeit und Mitgefühl zu begegnen.

Genau darauf basiert meine Arbeit. Beziehung bedeutet Entwicklung – und Entwicklung kann manchmal herausfordernd sein.

Sich selbst kennenlernen

Bewusste Beziehung beginnt – unabhängig davon, ob du allein oder in einer Partnerschaft lebst – immer bei dir selbst.

Sie wächst aus dem Kontakt mit deinen Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Grenzen. Sie lädt dich ein, Verantwortung für dein Erleben zu übernehmen, dir selbst mit Mitgefühl zu begegnen und gut für dich zu sorgen.

Das bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen. Im Gegenteil: Manchmal braucht Entwicklung eine achtsame Begleitung. Doch sie muss nicht zwingend durch eine Partnerin oder einen Partner geschehen.

In einer bewussten Beziehung geht es deshalb nicht in erster Linie darum, dass alles harmonisch funktioniert. Konflikte gehören dazu und können – wenn beide bereit sind hinzuschauen – zu Wachstumschancen werden. Gleichzeitig braucht eine nährende Partnerschaft Verbindlichkeit, gegenseitigen Respekt und den gemeinsamen Wunsch, in Beziehung zu bleiben. Und manchmal bedeutet Bewusstheit auch, eine Trennung achtsam zu vollziehen.

Ein wesentlicher Schlüssel dafür ist eine offene und ehrliche Kommunikation über Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen. Das klingt selbstverständlich, gehört aber zu den grössten Herausforderungen in Partnerschaften. Denn genau hier werden unsere alten Verletzungen und Schutzstrategien sichtbar. Oft sagen nicht nur unsere Worte etwas über uns aus, sondern ebenso das, was wir verschweigen.

Wo Verletzlichkeit willkommen ist und beide sich authentisch zeigen dürfen, entsteht emotionale Intimität. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, wie sehr frühere Erfahrungen unsere Beziehungen beeinflussen. Je mehr wir dafür Verantwortung übernehmen, desto weniger bestimmen alte Muster unser Miteinander.

Deshalb steht in meiner Einzel- und Paarbegleitung sowie in meinen Seminaren immer wieder der Selbstkontakt im Mittelpunkt. Denn erst wenn wir wahrnehmen, was in uns lebendig ist, können wir dafür Verantwortung übernehmen und anderen ehrlich begegnen. Besonders in der Paararbeit stärken wir die Fähigkeit, miteinander im Gespräch zu bleiben und beziehungsverhindernde Muster zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern.

Präsenz im Hier und Jetzt – der Schlüssel zu bewusster Sexualität

Bewusste Sexualität beginnt für mich mit Präsenz. Mit der Fähigkeit, im Körper anzukommen und dem gegenwärtigen Moment offen zu begegnen.

Das klingt einfach. In einer Kultur, die stark vom Denken, Funktionieren und Leisten geprägt ist, ist es jedoch für viele Menschen eine grosse Herausforderung, den Weg vom Kopf zurück in den Körper zu finden. Hinzu kommen persönliche Erfahrungen wie Grenzüberschreitungen, Scham, Unsicherheit oder Zurückweisungen, die den Zugang zum eigenen Körper erschweren können.

Deshalb ist ein sicherer und achtsamer Rahmen so wichtig. Erst wenn wir uns sicher fühlen, können wir wirklich präsent werden, spüren und uns dem öffnen, was gerade ist. Einen solchen Raum zu schaffen, gehört zu den Grundpfeilern meiner Arbeit.

Ein weiterer zentraler Aspekt bewusster Sexualität ist das Loslassen von Leistungsdruck, Erwartungen und Zielen. Das bedeutet keineswegs, dass Leidenschaft, intensive Erregung oder Orgasmen keinen Platz mehr hätten. Ganz im Gegenteil.

Eine meiner Lehrerinnen brachte es einmal mit einem schönen Bild auf den Punkt:

Wenn du ein schnelles Auto fahren willst, schnallst du dich zuerst an.

Präsenz ist dieser Sicherheitsgurt. Sie gibt Halt und ermöglicht es, auch in intensiven Momenten in Verbindung mit dir selbst und deinem Gegenüber zu bleiben, statt dich im Erleben zu verlieren.

Damit komme ich zu einem weiteren Schlüssel: der Absichtslosigkeit.

Viele Menschen kennen Sexualität vor allem als den Weg von der Erregung zum Orgasmus. Diese «Autobahn» ist weder falsch noch schlecht. Sie kann lustvoll sein. Gleichzeitig wird sie oft zum vertrauten Muster, das sich wiederholt und mit der Zeit an Lebendigkeit verliert oder immer stärkere Reize braucht.

Bewusste Sexualität lädt dazu ein, diese Autobahn auch einmal zu verlassen. Statt immer dem gleichen Ziel zu folgen, können Landstrassen, Waldwege oder kleine Trampelpfade entdeckt werden – Erfahrungsräume, in denen Neugier wichtiger wird als Leistung und Spüren bedeutsamer als Funktionieren.

Gerade die Absichtslosigkeit öffnet dabei neue Möglichkeiten. Nicht, weil Erregung oder Orgasmus vermieden werden sollen, sondern weil sie nicht länger das Ziel sein müssen. Wenn nichts Bestimmtes erreicht werden muss, entsteht Raum für Überraschung, Tiefe und oft auch für eine neue Form von Lebendigkeit.

In unseren Seminaren – insbesondere durch Elemente der tantrischen Berührungskunst und von Slow Sex – vermittle ich Erfahrungsräume, in denen diese Haltung erlebt werden kann. Dabei geht es weniger um Techniken als um eine bewusste Art, sich selbst und anderen zu begegnen.

Immer wieder kehren wir dabei zu drei einfachen Schlüsseln zurück: Atem, Bewegung und Stimme. Sie helfen, aus dem Denken ins Spüren zu kommen, Lebendigkeit zu wecken und den natürlichen Fluss der sexuellen Energie wieder leichter wahrzunehmen.

Diese Erfahrungen verändern oft den Blick auf Sexualität. Manche Gewohnheiten verlieren an Bedeutung, anderes wird intensiver, freier und nährender erlebt. Nicht, weil etwas erreicht werden muss, sondern weil mehr Bewusstsein entsteht.

Bewusste Beziehung und Sexualität bedeuten für mich nicht, dass alles leicht, erfüllt oder gelungen sein muss. Sie laden uns ein, dem Leben so zu begegnen, wie es sich gerade zeigt – mit Offenheit, Mitgefühl und der Bereitschaft, immer wieder in Verbindung zu gehen. Vielleicht entsteht genau daraus jene Tiefe, nach der viele Menschen sich danach sehnen.

August 2025 - Barbara Schmid

Dein Haus bewohnen

Stellen Sie sich ein großes Haus oder ein Schloss vor, mit vielen Räumen in allen Formen und Größen. Es gibt ein paar Räume, in denen ihr die meiste Zeit verbringt - ihr kennt diese Räume gut, sie sind gemütlich und vertraut - nicht zu heiß und nicht zu kalt, bequeme Möbel, alles an seinem Platz. Es gibt andere Räume, die wir seltener aufsuchen, in denen wir ein Gefühl der Aufregung, der Herausforderung suchen, in denen wir etwas Neues lernen wollen.

Und dann gibt es noch die anderen Räume - die mit dem großen "Betreten verboten"-Schild an der Tür. Das sind die Räume, denen wir fernbleiben. Was sich in diesen Räumen befindet, ist für jeden anders - für manche ist es Wut oder Traurigkeit, ihre Weichheit oder Verletzlichkeit. Für andere ist es vielleicht ihre Kraft, ihr Enthusiasmus, ihre Spontaneität oder Verspieltheit. Für viele von uns liegen Aspekte unserer Sexualität in diesen verbotenen Räumen. Als Kinder haben wir gelernt, diese inneren Räume zu verschliessen und uns von ihnen fernzuhalten - uns wurde von den Menschen, die uns nahestehen, oder von Autoritätspersonen beigebracht, dass das Betreten dieser Räume bestraft wird, dass es für uns schmerzhaft sein wird. Später im Erwachsenenalter bleiben diese Räume dunkel, beängstigend und unbesucht.

Dick Schwarz, der Begründer von IFS (Internal Family Systems), nennt diese verbotenen Räume unsere "Exiles" (die Verbannten)- Teile von uns, die verletzt wurden und mit denen wir den Kontakt um jeden Preis zu vermeiden versuchen, weil wir befürchten, dass er zu schmerzhaft sein wird. Andere Teile von uns (IFS nennt sie "Manager"), haben die Aufgabe, unser Leben so zu gestalten, dass wir diese Räume nicht betreten müssen. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist oft sehr hoch. Wir vermeiden Situationen oder Menschen, die bei uns Gefühle auslösen könnten. Wir sagen ständig Ja, aus Angst, in den "Nein sagen"-Raum zu gehen. Wenn wir in unsere Kraft kommen, stürmt unser innerer Kritiker herein, um uns wieder niederzumachen. Wir vermeiden Intimität und Verletzlichkeit gegenüber den Menschen, die uns nahestehen. Und so weiter. Je mehr Räume in unserem Schloss gemieden werden müssen, desto mehr führen wir ein Leben, das eng und begrenzt ist und in dem eine Hintergrundspannung und Angst herrscht.

Meine Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen und Einzelpersonen ist, dass wir uns alle danach sehnen, unser Schloss vollständig zu bewohnen. Wir spüren intuitiv, dass wir, solange diese Räume in uns verschlossen sind, keinen wahren Frieden erfahren können - wir werden immer in Konflikt mit Teilen von uns selbst stehen. Heilung bedeutet, Licht in diese Räume zu bringen, sie nach und nach kennenzulernen und sie schließlich besuchen zu können, wann immer wir wollen. Jedes Mal, wenn wir dies tun, werden wir freier, authentischer, mehr "ich".

Die meisten Wunden, die uns dazu gebracht haben, diese Räume zu verschließen, sind Beziehungswunden - Beschämung durch einen Elternteil, Mobbing durch Klassenkameraden, Bestrafung durch einen Lehrer sind einige Beispiele. Aus diesem Grund glaube ich, dass die Heilung dieser Wunden und die Freundschaft mit unseren inneren Verbannten auch in der Beziehung stattfinden muss - das ist nicht etwas, was wir allein tun können.

Das ist meine Motivation Workshops zu gestalten und zu leiten. Die Gruppe spiegelt uns, welche Räume wir meiden und wie wir es tun. Die Gruppe ist bei uns, feuert uns an, legt uns die Hand auf die Schulter, während wir langsam die Tür öffnen und einen Blick hineinwerfen. In diesem sicheren Raum haben wir die Möglichkeit, neue Wege des Seins und der Interaktion auszuprobieren. Wir verstehen, was es bedeutet, "mehr ich" zu sein. Für mich fühlt sich das immer wie innere Friedensarbeit an.

April 2023 - Eran Freiwald